Es rauscht. Es vibriert. Es ist mächtig.

Ich habe die seltene Gelegenheit dem Fluss meiner Menstruation in absoluter Stille zu begegnen.

Eine machtvolle Begegnung.

Der Mond lebt es uns vor. Der Vollmond symbolisiert in uns Frauen den Eisprung. Er strahlt in seiner vollen Größe und leuchtet aus voller Kraft. Es ist die Zeit, um aktiv zu sein und Ideen in die Tat umzusetzen. Bei Neumond hingegen zieht er sich zurück. Wir können ihn nicht sehen. Diese Phase ist verbunden mit unserer Menstruation. Wir kehren uns nach innen und sind ganz bei uns selbst. Wir lassen den Trubel der Außenwelt hinter uns und uns in unsere erhöhte Intuition gleiten. Welch eine magische Zeit!

Doch der Alltag sieht zumeist ganz anders aus. Unser Terminkalender ist nicht mit dem Zyklus unserer Blutung abgestimmt. Außerdem sind da ein Job, ein Mann, Kinder und andere kleine oder große Verpflichtungen. Bei Schmerzen schlucken wir eine Tablette und es geht weiter. Wir nehmen uns keine Zeit, uns mit den Signalen unseres Körpers auseinanderzusetzen. Ihnen zu begegnen und zu verstehen, was sie denn eigentlich von uns wollen. Unser Becken – für die meisten Frauen ein geheimnisvoller Ort. Dabei ist es der Ort, der uns mit dem Erbe der allweltlichen Weiblichkeit verknüpft. In ihm sind alle Erinnerungen unserer Ahninnen vor uns und unserer vergangenen Leben als Frauen abgespeichert. Er beinhaltet den Schatz unserer Weisheit. In ihm steckt die wilde Frau, die wir eigentlich sind und die darauf wartet, aktiviert zu werden. Durch unser Becken sind wir verbunden mit Mutter Erde.

Durch unser Becken können wir heilen. Durch unser Becken können wir gebären. Wir kreieren. Sei es neues Leben oder Kunst in jeglicher Form und Art.

So viel liegt dort im Verborgenen.

Doch die Menstruation erscheint uns zumeist als Last. Als ich das letzte Mal davor meine Menstruation unerwartet ein paar Tage zu früh bekam, saß ich im Schlafwagenabteil im Zug durch Indien. Ich legte innerhalb von drei Tagen 2500 Kilometer von Norden nach Süden zurück. Die hygienischen Bedingungen ließen stark zu Wünschen übrig. All der Stress des Reisens zeigte sich in meiner Blutung: Sie kam zu früh. Sie war sehr schwach. Sie war sehr kurz.

Wir können anhand ihrer Intensität, ihrer Farbe, ihrer Dauer und ihrer prämenstruellen Symptome erkennen, wie wir uns selbst im letzten Zyklus behandelt haben. Dieses Mal hatte ich die für mich bisher seltene Gelegenheit es dem Mond gleichzutun. Ich befand mich in einem zehn Tage dauernden Vipassana-Meditations-Kurs nahe Bangalores. Den Meditierenden war es nicht erlaubt, zu sprechen oder sonstige Kommunikationsgestiken austauschen. Wir meditierten zehn Stunden am Tag in absoluter Stille an einem Platz in der Natur. Perfekte Gegebenheiten, um ganz tief in sich selbst einzutauchen.

Als meine Menstruation mit dem ersten Tropfen Blut einsetzte, entfernte ich mich vom Meditations-Programm und schlich mich in mein Zimmer. Ganz in mir versunken folgte ich meiner Intuition, legt mich auf mein Bett und ließ meine Hände weit gespreizt auf meinen Unterleib gleiten. Die Spitzen meiner Daumen berührten sich am Bauchnabel und die Spitzen meiner Zeigefinger lagen sich berührend auf meinem Venushügel. Die restlichen Finger zeigten voneinander gespreizt Richtung Füße.

So lag ich eine Weile da und ließ den wärmenden Druck meiner Hände auf mein Becken wirken. Ich ließ mich immer weiter in eine tiefe Entspannung führen und genoss die Zeit ganz alleine mit mir selbst. Ich genoss es, mit der Kraft meiner Blutung so stark in Kontakt zu sein und ließ der Natur ungehinderten Lauf. Ich spürte die Macht der Natur. Ich spürte, wie sich alles in meinem Unterleib zusammenbraut und auflöst. Zusammenbraut und wieder auflöst. Unter meinen Händen gluckerte, vibrierte und klopfte es. Ich war ganz nah bei mir. Mit mir und konnte mir gerade nichts Schöneres vorstellen.

Ich wünsche mir, dass wir diese Erde zu einem Ort machen, an dem wir Frauen im natürlichen Rhythmus mit unserer Weiblichkeit ungehindert leben können.

Dass wir uns nicht verstecken, weder entschuldigen noch über unsere Grenzen gehen müssen, wenn wir unsere monatliche Blutung haben.

Ich wünsche mir, dass bald alle Frauen im Einklang mit ihrem Zyklus leben können, sodass sie in der tiefen Stille sich selbst begegnen und daraus erneut Kraft schöpfen.

Sabrina Abhai Joti